Hulusi Halit
1954 in Koloni / Paphos auf Zypern geboren
Lebt und arbeitet in Berlin

Lebenslauf

1960 Beginn der Malerei im Alter von sechs Jahren
1966 - 72 Auswahl von Eliteschülern türkischer Gymnasien in Paphos sechsjährige Begabtenförderung durch Ali Atakan
1969 Erster Preis eines Jugendwettbewerbs aller türkischen Gymnasien Zyperns mit dem Bild "Junges Paar"
1974 Wechsel nach Berlin
1980 – 86 Studium der Werbung und Kommunikation an der Hochschule der Künste
1989 – 92 Berufsbegleitende Erzieherausbildung
1979 – 05 Tätig als Erzieher in der Heilig-Kreuz-Kirche (Kreuzberg) und im Deutsch-Türkischen Kinderclub e.V. (ab 1994 in leitender Funktion)
Seit 1998 Freischaffender Künstler mit diversen Ausstellungen
Seit 2010 Betrieb der Galerie Salon Halit Art

Künstlerischer Werdegang

Hulusi Halit

1953 in der alten Hafenstadt Paphos im Südwesten von Zypern geboren, seit 1974 in Berlin. Früh zeigt sich eine künstlerische Begabung. Im Gymnasium erhält Halit eine sechsjährige Begabtenförderung durch den ebenfalls in Paphos geborenen Maler Ali Atakan. Mit 16 gewinnt er den 1. Preis eines Jugendwettbewerbs aller türkischen Gymnasien Zyperns. Eine Künstlerkarriere zeichnet sich ab. Doch kurz bevor die türkischen Staatskräfte den Norden der Insel besetzen, verlässt Halit seine Heimat in Richtung Deutschland. Er lernt eine neue Sprache, verdient Geld, richtet sich ein Leben in Berlin ein. Ab 1980 studiert er Werbung und Kommunikation an der Hdk (heute UdK). Es folgt eine Erzieherausbildung, denn Werbung ist, wie er während des Studiums merkt, nicht seins. Kommunikation dagegen interessiert ihn, als Kunstpädagoge kann er seine Lust am Gestalten weitergeben. 1998 nimmt Halit den Faden zur freien künstlerischen Arbeit auf. Er richtet ein Atelier ein und beginnt, ein eigenes Œuvre aufzubauen. Seine erste Ausstellung eröffnet 1994. Es folgen Präsentationen in Deutschland und auf Zypern, die Wanderausstellung Das ist mein Land startet 2005. Sie wird immer wieder gezeigt und bislang auch weitergeführt: mittlerweile ist sie auf 35 Arbeiten angewachsen.

Seit 2010 führt Hulusi Halit außerdem den Salon Halit Art, eine Galerie, deren Name Unterhaltung und Dialog verspricht. Tatsächlich ist das Programm vielfältig und nicht auf Bildende Kunst beschränkt. Lesungen und Konzerte, Diskussionsabende und Workshops machen aus den lichten Räumen in der Kreuzbergstraße 72 einen beliebten Treffpunkt für Interessierte, Nachbarn, Gäste aus allen Himmelsrichtungen und nicht zuletzt für die zufällig vorbei Flanierenden.

Bilder der Sehnsucht, Bilder der Hoffnung

Was malt ein Kind, dessen Eltern mit dem jüngsten Geschwisterkind bei einem Autounfall ums Leben kommen, als es selbst gerade erst zehn Jahre alt ist? Ich weiß es nicht. Vermutlich sind die Kinderbilder längst verloren gegangen. Aber mir scheint, dass der zehnjährige Hulusi bis heute einen Einfluss auf die Bilder von Halit hat, seien es die Sehnsuchtsbilder aus Zypern oder sein im Zyklus Das ist mein Land tief empfundene Mitgefühl für die im Zypernkonflikt getöteten Zivilisten. Auch die Neigung zur prismatischen Abstraktion, zu Kubismus und Surrealismus stammt noch aus dem Kunstunterricht am Gymnasium, das heißt, aus der Jugend des Künstlers. Aber der Reihe nach.

Der Geburtsort von Hulusi Halit, die Küstenstadt Paphos hat eine lange Geschichte, die bis weit in die Vorzeit reicht. Der Sage nach ging an einem Strand unweit des Stadthafens Aphrodite an Land, jene schaumgeborene Göttin, die nicht nur als unglaublich schön galt, sondern auch als Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin verehrt wurde. Sie spielt in den Arbeiten von Halit eine Rolle, wie auch die Erinnerung an die Wohnung seiner Familie in einem Haus aus der britischen Kolonialzeit, an die Minarette in den Städten seiner Heimat, die Farben des Landes, die Bäume, die Küste, das Meer. Vielleicht kann man sogar so weit gehen und seine Praxis, Dinge aus der Erinnerung oder der eigenen Vorstellung zu malen, und nicht – oder sehr selten – Motive direkt und vor Ort abzuzeichnen, im Verlust der Heimat zu verorten. Offensichtlich dagegen sind seine südländische Herkunft, die brutale Teilung der Heimatinsel in ein griechisches und ein türkisches Territorium und sein Leben in der ebenfalls von einer Teilung geprägten Großstadt Berlin. Denn was Hulusi Halit malt, hat mit dem Leben zu tun, mit seinem Leben.

Von früh an lässt er sich auch von Musik inspirieren. Es kann sein, dass er abends Musiker spielen hört, in einer Bar, auf der Straße, im Konzert, und dass ihn diese Atmosphäre nicht mehr loslässt. Auf diese Weise entstehen Bilder, in denen sich Farben und Klänge zu mischen scheinen. Das Publikum taucht gelegentlich auf, Instrumente blitzen aus der Dunkelheit hervor, die konzentrierten Gesichter der Musikerinnen und Musiker. Die Stimmung der Bilder bleibt ruhig, entspannt. Erst wer genauer hinschaut, mag Musik hören oder sich an den eigenen letzten Konzertbesuch oder Bar-Abend erinnern. Denn so funktionieren die Bilder auch: als Einstieg in ein Gespräch. Mit dem Künstler oder mit anderen Ausstellungsbesucherinnen und -besuchern.

Ganz anders dagegen sind die Bilder aus der Reihe Das ist mein Land. Hier erinnert Hulusi Halit an die Ermordung zahlreicher Landsleute während des Zypernkonfliktes. 1974 eskaliert der Streit zwischen Griechenland und der Türkei um die Mittelmeerinsel. Nach einem Putsch fliehen im Norden die Zyperngriechen vor den türkischen Panzern, im Süden werden die Zyperntürken von nationalistischen Militärs gejagt. Tausende Menschen verschwinden. Bis heute sind viele der Toten unauffindbar, obwohl die Suche nach ihnen weitergeht. Anlass ist ein Buch der Journalistin Sevgül Uludag, einer ebenfalls türkischen Zypriotin. Sie fragt in den Familien der Vermissten nach, verfolgt Spuren und beginnt über das bis dahin totgeschwiegene Leid zu schreiben. Nicht nur, um Anklage zu erheben, sondern um die Toten zu ehren und den Lebenden die Möglichkeit zu geben, wieder miteinander zu sprechen und sich zu verzeihen.

Halit liest das Buch und beginnt mit einer Bilderfolge, in der sich Recherche und Fiktion die Hand geben. Es geht ihm nicht um eine reportagengetreue Wiedergabe der Ereignisse, sondern um die verschiedenen Facetten eines solchen, von nationalistischen Eiferern geschürten Konflikt. Neben dem historischen Moment einer bis heute nicht wieder aufgehobenen Teilung möchte er mit den Bildern an unser Mitgefühl appellieren, daran, dass Kriege nicht auf Landkarten gewonnen werden, sondern uns auf schuldvolle Weise von unseren Mitmenschen entfremden. Doch auch wenn die Bilder uns mahnen, strahlen sie Ruhe aus und den Wunsch nach Versöhnung. Die Toten, die irgendwo verscharrt oder einfach liegen gelassen wurden, sind längst mit der Natur verschmolzen. Wir Lebenden aber müssen die Erinnerung an die Gräuel weitertragen. Auch, um die immer gleichen Fehler zu vermeiden, oder zumindest zu erkennen.

Selten entstehen Porträts. Das mag an der Malhaltung liegen, in der sich Vergangenheit und Gegenwart, aber auch Traum und Realität durchwirken. Tief aus den Bildräumen schauen uns gelegentlich Augen an, sehr lebendige Augen, deren dazugehörige Gesichter jedoch verborgen bleiben. Als Frauengestalt begegnet einem häufig Aphrodite, die ihrerseits kopflos bleibt, eine Art Echofigur aus den antiken Mythen, die die westlichen Menschen seit Anfang ihrer Zivilisation begleitet, und deren vermutete Herkunft so nah an Halits Geburtsort liegt.

Den Großteil von Halits Arbeiten machen Bilder und Zeichnungen aus. Anfangs malt er mit Ölfarben, aber er wechselt zu Acryl, als er merkt, dass er hier schneller arbeiten kann. Auch die Möglichkeit, Acrylfarben stark zu verdünnen, kommt seiner Praxis, in vielen Schichten Farben aufzutragen, entgegen. Kleine Formate entstehen auch in Aquarellfarben. Als Vorlagen für die Gemälde dienen zumeist Zeichnungen, deren Beschränkung auf Konturen und kräftige Schwarz-Weiß-Kontraste ebenfalls zu eigenen Serien geführt haben. Vor allem, die uralten Bäume Zyperns, mit ihren knorrigen Verwachsungen und vom Wind zerzausten Kronen finden hier eine kongeniale Entsprechung. Die größten Überraschungen jedoch bergen die Farben. Denn im Malprozess gemischt oder versuchsweise anders nebeneinander gesetzt, entstehen ungeplante Farbklänge, Stimmungen. Dieser Teil der Malerei lässt sich durchaus als „impressionistisch“ bezeichnen. Er öffnet die Bilder zum Publikum hin und lässt die Bilder nach innen an Tiefe gewinnen.

Gelegentlich entstehen skulpturale Arbeiten. Entweder aus Ton und Speckstein, oder aus der Bearbeitung von Fundstücken, seien es Wurzeln oder Steine vom Wegesrand. Auch hier entwickelt er Mischformen, Gestalten aus der Erinnerung und der Fantasie, die sich mit der Realität der Fundstücke oder des verwendeten Materials vermengen. Sie bieten, was den Bildern nur in der Imagination gelingt: den haptischen Zugriff. Nichts Eckig-Konstruiertes begegnet uns hier. Es sind stets gewachsene, und durch die Zeit gegangene Strukturen, Flächen, Objekte, auch wenn sie hin und wieder kantig oder wie mit Dornen versehen in den Raum greifen.

Erinnern, Innehalten, Spuren verfolgen: Das sind Zustände, in die uns der Künstler Hulusi Halit versetzen will. Um uns die Vergänglichkeit der Welt vor Augen zu halten, aber auch, um die Kostbarkeit des Augenblicks sichtbar zu machen. Der eigentliche Wert jedoch besteht für ihn im Kontakt untereinander. Denn Bilder laden zum Gespräch ein. Und das längst nicht nur in einer Galerie oder im Museum.

Stephanie Jäckel